Ursula Panhans-Bühler

Fotografie zwischen Flächenbild
und Zeilenbild

Wollte man sich die Mühe machen, die Branchenverzeichnisse unserer Telefonbücher vor zehn Jahren mit den aktuellen Branchenverzeichnissen in digitaler Form zu vergleichen, und zwar im Hinblick auf Fotoläden, die Filme für den Massenkonsum verkaufen, um sie anschließend zu entwickeln und Abzüge herzustellen – man sähe sich einem Schrumpfungsprozess limes knapp vor Null gegenüber. Die numerisch digitale Revolution hat die klassischen Fotoapparate weitgehend verdrängt, und mit diesen das Zelluloid als Medium der Bildherstellung. Verdrängt ist damit zugleich ‚Belichtung’, nämlich die unmittelbare, ‚augenblickliche’ Lichtaufzeichnung auf lichtempfindlichem Material; die digitale Umwandlung der Photonen in numerische Zahlenfolgen geschieht in der Zeit, und zwar mit rasender Prozessorgeschwindigkeit, eine Rechnerleistung, die unserer Wahrnehmung entgeht.
Dieser mediale Konflikt zwischen analoger und digitaler Fotografie bildet das Zentrum des fotografischen Interesses von Martin Zellerhoff, eine künstlerische Unternehmung, die zugleich eine kulturelle Dimension öffnet. Die analoge Fotografie steht in einem anderen Verhältnis zu unserer Erfahrung als die digitale. Erfahrung ist generell ‚analog’. Als anthropomorphe, d.h. leibhaftige Wesen, übersetzen wir unsere Eindrücke, vergleichen sie mit schon erworbenen, und mit unseren Sinnen sind unsere Emotionen an der Erfahrung beteiligt; als kalkulierende Wesen entwerfen wir Programme, Konzepte, Pläne, und hoffen, dass Sinne und Emotionen nicht störend dazwischen funken.

Das Resultat des „Pencil of Nature“, die Flächenaufzeichnung eines Bildes der analogen Fotografie, prüfen wir spontan mit unseren optischen Erinnerungen. Dasselbe tun wir auch angesichts einer digitalen Fotografie, jedoch machen wir uns meist nicht bewusst, dass es sich um eine Übersetzung der digitalen 0-1-Zeilen-Logik in ein Pixelmosaik handelt, dessen Oberfläche uns darüber hinwegtäuscht, dass für einen Print kein Licht benötigt wird, sondern nur die 0-1-Prozessor-Logik, Zeile für Zeile vom Drucker auf Papier übertragen. Genau genommen, handelt es sich also weder bei der digitalen Bildschirmdarstellung noch bei einem Ausdruck um ein Foto.

Die Verbreitung der digitalen Fotografie hat zu einer blinden Flut von Bildproduktionen geführt, denn man muss keine Kosten mehr für teures Filmmaterial aufwenden. Läuft einem jemand ungebeten ins Bild, drückt man eben noch mal auf den Auslöser. Der neue kulturelle Preis scheint jedoch in einer geschwächten Aufmerksamkeit unserer gewöhnlichen Wahrnehmung der Dinge zu liegen. Martin Zellerhoff legt sich hier auf eine neue fotografische Lauer. Ein analoges Foto beispielsweise von einer Kodak-Filmrolle verändert er anschließend in der Photoshop-Bearbeitung so, dass die Filmrolle einer geringfügigen ‚zivilisatorischen’ Verfettung ausgesetzt wird, d.h. sie ist breiter als die alten Filmrollen – und komischerweise fällt das kaum jemandem auf. Den Automaten-Solipsismus greift er auf, wenn er eine analoge Fotokamera mit einer zweiten zusammenschaltet, so dass bei der Aufnahme der ersten Kamera gleichzeitig deren Blitzfunktion ausgelöst wird – und sie nunmehr mit einem kreisrunden Licht über dem Apparat erscheint, als wäre es ein letztes Aufleuchten der analogen Zeit.

Inspiriert haben Martin Zellerhoff bei seinen fotografischen Reflexionen die medienkritischen Untersuchungen von Vilém Flusser, insbesondere dessen Essays „Ins Universum der technischen Bilder“. Flussers Interesse gilt der Etablierung eines geschärften Bewusstseins für die Apparate-Struktur der technischen Bildmaschinen. Flusser ist jedoch kein Maschinenstürmer, sondern entwirft eine künstlerische Utopie der Nutzung unserer neuen medialen Apparate. Er möchte ihr diskursives Monopol durch eine dialogische Struktur aufbrechen. Unsere neuen Medien würden erst dann den Namen Medium wirklich verdienen, nämlich als ein Dazwischen für unsere intersubjektive – dialogische – Verständigung. Unsere Welt würde dann nicht hinter der Wand der Medien verschwinden, sondern könnte in einem neuen Fenster geöffnet werden. Dieser Aufgabe widmet sich die fotokünstlerische Arbeit von Martin Zellerhoff, manchmal mit unmerklichen Nachbearbeitungen analoger Fotos am Rechner, die als geringfügige Störungen gewohnter Erfahrungen unsere Erinnerung vergleichend auf den Plan rufen – und damit genau das, was Apparate von sich aus nicht leisten können.

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