Kai Brückner

KUNSTZEIT
FOTOGRAFIE IN DER ZEITGENÖSSISCHEN KUNST
(Katalog Text zur Ausstellung, Kai Brückner 1996)

Dass Fotografie ein Ausdrucksmittel der Bildenden Kunst sein kann, ist spätestens seit den Arbeiten von Moholy-Nagy, Man Ray und anderen allgemein bekannt. Ihre Anwendung beider Umsetzung künstlerischer Konzepte gewinnt seither stetig an Bedeutung. In den letzten Jahren hat sich das Augenmerk vieler Künstler und Künstlerinnen‚ aber auch der gesamten kulturinteressierten Öffentlichkeit boomartig auf die Fotografie gerichtet: Museen, Galerien und Sponsoren befassen sich mit Festivals und Ausstellungen zeitgenössischer Fotogratie. Auf Kunstmärkten schließen sich Fotogalerien zu großen Blöcken zusammen. Sogenannte „Fotokunst” wird Anlagetipp in Finanzzeitschriften. Auch die theoretische Auseinandersetzung mit dem Medium nimmt zu: In Essen gibt es seit 1995 den Lehrstuhl für Fotogeschichte und am kunsthistorischen Institut der Ruhruniversität Bochum potenziert sich von Semester zu Semester die Zahl der Abschlussarbeiten mit entsprechenden Themen.

Die Ausstellung KUNSTZEIT in der Maschinenhalle der ehemaligen Zeche „Friedlicher Nachbar” in Bochum-Linden fragt 1996 nach Tendenzen,‘ die sich im Spektrum gegenwärtiger Kunstproduktion im Zusammenhang mit der Verwendung von Fotografie entwickelt haben. Die Ausschreibung zur Teilnahme an KUNSTZEIT richtete sich an die Generation der Meisterschüler und Diplomanden an allen deutschen Hochschulen und Akademien. Die Werke der 13 an der Ausstellung teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler repräsentieren thematische Schwerpunkte, wie sie sich unter den Einsendungen abgezeichnet haben:

Die Auseinandersetzung mit individueller oder gesellschaftlicher Geschichte steht im Mittelpunkt der Arbeiten von Marcus Kiel, Neringa Nauiokaite und Helmut H. Hochwald

Aktuelle Denk- und Wahrnehmungsweisen, das gleichberechtigte Nebeneinander von Fragen und Antworten beschäftigen Martin Zellerhoff, Thomas Bruns, Marcus Kaiser und Susanne Troll.

Kritik an der gegenwärtigen kulturellen Praxis äußern Eva Bodemer, Susanne Brügger, Piet Wessing, Astrid Herrmann, Peter Dombrowe und Katharina Bosse.

Nach über einem Jahr Vorbereitung sind hier ihre neuesten, zum Teil erst für die Ausstellung entstandenen Werke zu sehen. Die Arbeiten verdeutlichen aktuelle Nutzungsstrategien von Fotografie in der Gegenwartskunst:

Passfotos, Medienbilder (Zeitung/Fernsehen), Erinnerungsfotografie, Postkarten und andere Fotografien aus nichtkünstlerischen Zusammenhängen werden aufgegriffen, um mit Hilfe der normierten Wahrnehmungsweisen solcher bekannten Bildnormen einen gezielten Einstieg in die Betrachtung der Arbeiten zu veranlassen

Die freie Gestaltung mit Fotografien oder den technischen Produktionsbedingungen fotografischer Bilder, also Montagen, Installationen, Digitalisierung, Bild/Bild- oder Bild/Text Kombinationen in Büchern und anderem werden eingesetzt, um den alltäglichen Abläuten der sichtbaren Realität eine neue, künstlerische Realität entgegenzustellen.

Inszenierungen und abbildorientierte Kamerafotografien heben gezielt Aspekte der sichtbaren Welt hervor, um einen mit gesteigerter Aufmerksamkeit aufgeladenen Seh- und Beobachtungsprozess zu bewirken.

Die Präsentation verdeutlicht komprimiert, was die Einsendungen zu einer „Ausstellung künstlerischer Fotografie” in großer Breite bewiesen haben: Das fotografische Bild findet in allen Bereichen der Bildenden Kunst Verwendung. Seine Verarbeitung in Objekten, Raum- und Klanginstallationen steht gleichgewichtig neben der Produktion von Tafelbildern. Künstlerinnen und Künstler beziehen dabei die bekannten Wahrnehmungsmuster von Fotografie in die Kalkulation mit ein, um eine Steuerung der Auseinandersetzung mit ihren Arbeiten zu erreichen. Dieser Aspekt ist sicher mitverantwortlich für die oben geschilderte Popularität des Bildmittels Fotografie.

MARTIN ZELLERHOFF
Bild 1, 1995, 20teilige Fotoarbeit, Tinte auf Papier, je 20 x 30 cm
Ruhrgebiet, 1995, 12teilige Fotoserie je Walkman, Lautsprecher, Endloscassette, Netzgerät

Das Zustandekommen seiner Arbeiten beschreibt Martin Zellerhoff, wie folgt: „[…] Ich erstellte Sammlungen [von Fotografien], in denen es keine Hierarchie und keine Bedeutungsschwerpunkte gab, in der jedes Bild gleichwertig zu jedem anderen ist. Davon ausgehend versuche ich in meiner Arbeit zusätzlich die Überlegungen Flussers, dass jedes fotografische Bild zuerst ein technisches Bild ist, darzustellen. Sie sind Metabilder, die sich immer auf eine Abstraktion von Texten berufen. Meine Bilder zeigen wieder Texte. Diese Texte aber sind nicht geschrieben, sondern durch Bilder erzeugt. Über die Digitalisierung von Bildern entstehen aus optischen Signalen digitale Zeichenketten. Ein zweidimensionales Bild wird zu einem eindimensionalen Text, den ich durch einen Textkonverter als Morsezeichen sichtbar mache. Parallel dazu entstehen Versuche, die digitalen Daten auch als Ton auszugeben.” Die digitale Verarbeitung von fotografischen Bildern führt in der Arbeit von Martin Zellerhoff nicht nur zu einer dem Ausgangsbild vollkommen entfremdeten, neuen Information, sie wandelt zudem ursprünglich simultan zu lesende Bildpunkte in eine Folge von Zeichen, einem analogen Text vergleichbar, um. Am konsequentesten wird dieser Schritt durch die Umsetzung in Töne vollzogen, da ein Zurückhören nicht möglich ist. Die serielle Präsentation seiner Strichcode-Zeichnungen oder der akustischen Bilder führt letztendlich wieder zu einem komplexen simultanen Angebot. Ausgehend von Fotografien entsteht so ein Verwandlungsspiel, das auf den im Zeitalter zunehmender Computerisierung sich grundsätzlich verändernden Umgang mit Informationen hinweist.

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