Freunde / friends (1982 – 1985)

Text: Katja Sengelmann

Die Lage war ruhig an der Innenstadt Front

Viele junge Menschen. Das erste Bild im Buch zeigt das angeschnittene Porträt einer blonden Raucherin, die sich gerade die Zigarette zum Mund geführt hat. Sie trägt einen weißen Schal, ihr Blick geht links aus dem Bild heraus. Die junge Frau mit den dunklen Haaren auf dem Bild daneben schaut direkt in die Kamera, ihr Gesichtsausdruck ist ganz neutral.

Martin Zellerhoff hat in den Jahren 82-85 sein Umfeld fotografiert. 200 Filme hat er belichtet, das sind 7200 Fotos, in etwa jede Woche einen Film mit je 36 Aufnahmen. Heute klingt das wenig. Damals war es viel. Zellerhoff hat nach der Schule fotografiert, in den Pausen, am Wochenende und auf Klassenfahrten. Er benutzte eine kurze Brennweite, war mittendrin und hatte alle an die Anwesenheit der Kamera gewöhnt. Das hatte zweifache Wirkung: Einerseits vergaßen die Fotografierten den Fotoapparat gelegentlich. Andererseits meint man der jungen Frau mit der Zigarette anzumerken, dass sie den Blick der Kamera spürt, auch wenn sie ihn nicht erwidert. Wie das Mädchen mit den dunklen Haaren daneben versucht sie ein unverstelltes Bild von sich abzugeben. Und doch ist es eine Pose, und die vorgeblich so selbstverständlich gerauchte Zigarette sagt eigentlich: Seht her – ich rauche. Oder der junge Mann mit den demonstrativ aufgestellten Bierflaschen einige Seiten später: Seht her – ich trinke. Ich gehöre zum Kreis der Erwachsenen. Der Übergang in den nächsten Lebensabschnitt geschieht aber auch mit einem Augenzwinkern: Dem Mädchen, das mit beiden Händen den übermächtigen Bierkrug ansetzt, ist das Lachen anzusehen, auch wenn ihr Mund vom dicken, in sich gewölbten Glas verdeckt ist.

Die jungen Frauen sind fast alle ungeschminkt, sie tragen die zeittypischen Tücher und selbstgestrickte Wollpullis und ihre Achseln sind nicht rasiert. Dabei entsprach dies schon zu dieser Zeit nicht mehr dem gängigen Schönheitsideal in Westdeutschland.

Aber das gibt es auch: Ein Junge in ordentlichem Pullover, Hemd und Krawatte. Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen und direktem Blick reckt er das Kinn trotzig der Kamera entgegen. Meint er seinen Look ernst? Es gibt auch junge Leute im Blazer, die sich bewusst gegen die Gleichaltrigen in gestreiften Latzhosen absetzen. Die Blicke sind dieselben.

Die Ausschnitte, die Martin Zellerhoff wählt, sind meist eng. Es sind vor allem Porträts und Halbfigur-Aufnahmen, seltener Ganzaufnahmen. Durch diese Konzentration ist die Umgebung nicht erkennbar bzw. rückt in den Hintergrund. Soziale Unterschiede werden nivelliert, was durch das Schwarz-Weiß der Aufnahmen unterstützt wird. Die zwischen Fotograf und Fotografierten befindliche Kamera verhindert eigentlich den direkten Kontakt. Dennoch hat Martin Zellerhoff fotografiert, um Distanz zu den Gleichaltrigen zu überwinden – mag sein, dass er in viele der jungen Frauen verliebt war, das passiert leicht in diesem Alter. Doch er hatte seinen eigenen Freundeskreis. Der Titel der Ausstellung „Freunde“ ist deshalb nur bedingt ernst zu nehmen und wird sogleich durch den eng gefassten Zeitraum „82-85“ eingeschränkt.

Als junger, noch unerfahrener Fotograf sah sich Martin Zellerhoff durchaus als Chronist seiner Zeit, als Sammler von Momenten, der die wenigsten seiner Bilder vergrößerte, sondern die Negative mitsamt selbst entwickelten Kontaktabzügen in Ordnern abheftete und für lange Zeit in sein Archiv verbannte. Die vorgestellte Auswahl aus diesen 7200 hat er jedoch heute vollzogen, es ist seine heutige Interpretation der damaligen Zeit. Er hat Fotos ausgesucht, die miteinander kombiniert kleine Geschichten erzählen, die nicht nur für die Abgebildeten selbst begreifbar sind. Dabei hat er sie so gedruckt, wie er sie in seinem Archiv vorgefunden hat: Mit Staub, Kratzern und kleineren Schäden – als Verweis auf die vergangene Zeit.

Mit dem Blick zurück in diese Zeit – NATO-Doppelbeschluss, Großkundgebung in Bonn, erkennbare Umweltschäden und beginnende Umweltbewegung – ist fast verwunderlich, wie unbedarft die jungen Leute hier gezeigt werden: Zwei junge Punks voller Kraft und Lebensfreude – da ist keine Wut spürbar. Lächelnde Mädchen im Moment des Sprechens – da ist keine Angst spürbar. Blicke voller Erwartung – da ist Zuversicht für die Schritte ins eigene Leben spürbar. Aber auch dies ist vielleicht nur eine Frage der Bildauswahl 35 Jahre später. Diese ist genau so subjektiv, wie es die Gedanken und Assoziationen sind, die sich beim Betrachten der Bilder einstellen.